Datieren, daten, Datentechnik

Zwei einfache deutsche Verben gibt es mittlerweile, die nach dem Wortstamm vom lateinischen Verb dare entlehnt sind: der Latinismus datieren und der Anglizismus daten. Letzterer hat sich erst nach der Jahrtausendwende eingebürgert [1]; im DUDEN ist er noch nicht dokumentiert. Dagegen ist datieren schon spätestens seit dem 16. Jahrhundert im Sprachgebrauch. Das zu diesem gehörige Substantiv ist das Datum, während das Date zu daten gehört.

Wer datet, hat ein Date, das heißt ein Treffen mit einem möglichen Intimpartner. Wer datiert, gibt das Datum eines Ereignisses an, oder er nimmt eine Altersbestimmung vor. Geben ist das deutsche Erbwort, dessen Bedeutung der des lateinischen dare am nächsten kommt. „Do, ut des.“ / „Ich gebe, damit du gibst.“ [2] Von daher ist ein Datum oder ein Date ganz allgemein als ein Gegebenes zu verstehen – als etwas, das „es gibt“. Im Anschluss daran kann man sagen: Alles, was es gibt, sind Daten. Nicht nur Datings, Kalenderdaten oder Altersangaben, sondern alles Mögliche.

Die Datenverarbeitung hat insofern das Zeug zu einer Universaltechnik; ähnlich wie die Philosophie als Universalwissenschaft gelten kann, hat diese doch im Grunde – als Ontologie – alles Seiende zum Gegenstand. In der Wissenschaft geht es um das Beobachten und Verstehen, in der Technik dagegen um das Bauen und Umbauen. Vom Bau- und Umbauwesen einer Universaltechnik wie der Datenverarbeitung bleibt letztlich nichts verschont.

Worauf kann heute die Rede von der verwirklichten Philosophie [3] restloser zutreffen als auf die Technik dieses Kalibers, die vor nichts Halt macht, nicht einmal vor den intimsten Gegebenheiten?


ANMERKUNGEN

[1] Siehe Institut für deutsche Sprache: Neologismus „daten“

[2] Siehe juristische Hintergrundinformationen zu diesem Grundsatz

[3] Theodor W. Adorno: Negative Dialektik (Suhrkamp). – Dort heißt es ganz am Anfang: „Philosophie, die einmal überholt schien, erhält sich am Leben, weil der Augenblick ihrer Verwirklichung versäumt ward.“ Das war im 19. und 20. Jahrhundert. Jetzt geht’s los.

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