Zum Wesen der Daten

In seinen Stilübungen von 1947 stellt Raymond Queneau auf vielerlei Weise einen Vorfall in einem Pariser Autobus dar, immer wieder denselben. Einmal als Erzählung, einmal als Klappentext, einmal als Verhör, einmal als Komödie, einmal philosophisch, einmal parteiisch, einmal telegraphisch, einmal botanisch, einmal im Jugendstil – um nur neun der neunundneunzig Varianten zu erwähnen. Die mit Angaben beginnen. Bloßen Angaben.

Ausgangspunkt Queneau

Angaben. Mit diesem Wort gibt die Übersetzung von Ludwig Harig und Eugen Helmlé das französische notations wieder. Als ob stattdessen im Original informations gestanden hätte. Getreuer wäre das im Deutschen überaus gebräuchliche Fremdwort Notizen gewesen. Doch für meinen Zweck kommt die freiere Übertragung Angaben gerade recht. Dabei bin ich voller Respekt vor Queneaus Wortwahl. Bei der Bezeichnung notations liegt der Akzent um einiges deutlicher darauf, dass es sich hier um eine eigene Stilform handelt, als sich das beim Titel Angaben aufdrängtAngaben lassen an Vorgaben denken, zumal wenn sie am Anfang einer Reihe stehen. Zuerst kommt das Vorgegebene und dann das Aufgegebene, zuerst überhaupt das Gegebene und dann das daraus Gemachte. Wie bei der Flüsterpost steht am Beginn eine sozusagen unverfälschte Version, von der sich die Weitergaben immer weiter entfernen. Man kann aber ein Gegebenes nicht nur bis zur Unkenntlichkeit, sondern auch bis zur Kenntlichkeit verändern. Die erste Fassung etwa eines Artikels wie dieser hier mag noch reichlich überladen und unausgegoren sein, so dass das Wesentliche unter Umständen erst nach mehreren Abklärungen deutlich zum Vorschein kommt. Überhaupt mögen sich die Geister unterscheiden und darüber streiten, ob der Ursprung Ausgangspunkt oder Ziel ist. Der Ausgangspunkt dieses meines Artikels ist Queneau, aber so beginnt zumindest hier nur ein längerer Anlauf zum Ursprung.

Ausdrucksweisen für Vorgehendes

Das Gegebene ist das, was es gibt. Von dem, was es gibt, sagen wir auch: es ist. Sein ist demnach Gegebensein und das Sein im Ganzen die Gesamtheit des Gegebenen. Wer so spricht, setzt ein Gebendes oder einen Geber voraus. Doch verwiesen sieht sich der so Sprechende lediglich auf das Es des Ausdrucks es gibt. Nicht etwa auf einen alles erschaffenden und derart gebenden Gott. Auf die Voraussetzung von Gottheiten haben sich Menschen durch viele Zeiten hindurch verstanden. Es lag ja nahe, dass alles, was nicht Menschenwerk ist, von einem höheren werktätigen und insofern menschenähnlichen Wesen hervorgebracht würde. Einer göttlichen Person. Nach Art eines Königs vielleicht. Jedenfalls eines Herrn. Doch ein unpersönliches Es? Was soll das sein? Ist das überhaupt etwas? Etwas, das auch ins Spiel kommt, wenn es regnet oder wenn es schneit oder wenn es klopft? Das einzige Spiel, in das es kommt, ist wohl das Sprach-Spiel. Wie sollte sonst ein umfassend Gebendes ausgerechnet beim Regnen, Schneien und Klopfen noch einmal besonders die Szene beherrschen, und damit hätte sich’s? Lassen wir doch am besten den Ausdruck „es gibt“ ganz aus dem Spiel und im Sprachgebrauch aussterben. Schließlich haben wir mehr als vollwertigen Ersatz dafür: sein, existieren, vorkommen, geschehen, sich ereignen, wirklich sein, real sein, vorhanden sein – und wohl noch manche schnörkellose Bezeichnung mehr. Seltsam indessen, wie unterschiedlich wir dann immer noch das benennen, wofür auch das es gibt steht! Bei vorhanden ist zum Beispiel die Hand im Spiel. Und bei sich ereignen das Augenpaar; denn dieser Ausdruck rührt von dem viel weniger gebräuchlichen Wort eräugen her. Es sieht sehr danach aus, dass in der Sprachgeschichte viele Male Anlauf genommen worden ist zu einem gewissermaßen mustergültigen Verständnis dessen, was eigentlich, letztlich, ursprünglich vorgeht. In der Sprachgeschichte der gesamten Menschheit. Gibt es doch, wie Fritz Mauthner befand, Wörterwanderungen wie Völkerwanderungen.

Ausschlaggebendes heute

Was geht eigentlich, letztlich, ursprünglich vor? Ziehen wir eine vorläufige Bilanz, dann handelt es sich hier um eine noch offene Frage. Anders gesagt: um eine strittige. Noch anders gesagt: um eine uns zu hohe. Dass uns diese Frage zu hoch sein könnte, spricht wieder für das schnörkel-, doch auch rätselhafte Es im es gibt. Was ist mit diesem Rätselwort gemeint? Es ist uns ja irgendwie gar nicht zu hoch, sondern eher zu niedrig. Jetzt tue ich allerdings gerade so, als wären mir gleich mehrere Jahrhunderte der jüngeren Geschichte entgangen, nämlich mindestens die beiden letzten. Wenn wir naturgeschichtlich heute fast wie selbstverständlich von einer kosmischen, biologischen und kulturellen Evolution ausgehen, dann hat sich dieses Weltbild schon sehr lange abgezeichnet. Spätestens seit Astronomen den bestirnten Himmel über uns nicht mehr als halbkugelförmige Verblendung des Reiches Gottes nachbeten müssen, sondern als offene Umwelt der Erde ersehen können. So gesehen, ist es gegenstandslos geworden, sich einen „Himmel auf Erden“ zu wünschen, besteht doch umgekehrt der ganze Himmel aus nichts als lauter Erde, sprich Physik. Eine höhere Welt kann im Zeitalter des vom religiösen Wähnen entfesselten Forschens nicht mehr ernsthaft in Betracht kommen. Entfesselt ist damit auch oder gar dem zuvor bereits das Wesen der Technik, an das der Mensch auf neue Weise quasi religiös und ebenso quasi auf Gedeih und Verderb gebunden ist. Gegenwärtig ist es die Informationstechnik, die alle alten Mächte in den Schatten zu stellen beginnt und von der gerade im Sisyphusmagazin noch viel die bedachte, umsichtige, sorgfältige und streitbare Rede sein will.

Ausblick auf den Dataismus

Überleitend sei noch dies gesagt: Informationstechnik ist Datentechnik. Daten sind Gegebenheiten. Womöglich sind sie die eigentlichen, letztlichen, ursprünglichen Vor-Gegebenheiten. Das lateinische datum heißt so viel wie gegeben. Auf dieses Gegebene können wir als Menschen einerseits leicht herabsehen, ist doch dort außer Nullen und Einsen nichts geboten. Andererseits haben wir es bei der digitalen (R)Evolution mit einem derart rasanten und weit um sich greifenden Geschehen zu tun, dass wir vor ihm zwar nicht in die Knie gehen werden wie etwa Christen vor dem „Wort Gottes“; wohl aber könnte uns ein Ausmaß von Erniedrigung bevorstehen, das Yuval Harari mit dem Schicksal zahlloser Tierarten im Anthropozän vergleicht, dem Zeitalter der Vorherrschaft des Homo sapiens auf der Erde. Dieses Zeitalter sei im Begriff, mit der Datenreligion noch im 21. Jahrhundert zu enden. Nächstens mehr dazu.


LITERATUR

Raymond Queneau: Stilübungen (Suhrkamp)

Fritz Mauthner: Wörterbuch der Philosophie (G. Müller)

Martin Heidegger: Die Technik und die Kehre (Neske)

Yuval Harari: Homo Deus. Eine Geschichte von Morgen (Beck)

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