Therapie der Psychosen

Durch die Einführung der Neuroleptika hat die Therapie der Psychosen einerseits große Fortschritte, andererseits aber auch enorme Rückschritte gemacht. Während bereits in den 1940er und 1950er Jahren an den psychologischen Ursachen und psychotherapeutischen Methoden zur Schizophreniebehandlung geforscht wurde, begrenzt sich die heutige Behandlung fast ausschließlich auf Psychopharmaka und alltagsstrukturierende Maßnahmen. Durch die Einführung der Neuroleptika ist es vielen Patienten möglich, eine selbständige Lebensführung außerhalb von Kliniken und Heimen zu führen. Da Psychopharmaka jedoch viele Nebenwirkungen aufweisen und lediglich Symptome unterdrücken, sind häufig ein Chronifizieren, ein Stagnieren und sogar eine Verschlechterung der Erkrankung zu beobachten, wenn ausschließlich medikamentös behandelt wird.

Geschichte der Schizophreniebehandlung

Anfang der 1930er Jahre begann Sakel schizophrene Patienten mit hochdosiertem Insulin in ein Koma zu versetzen. Spätere Untersuchungen ergaben, dass diese Therapie sich nicht als hilfreich erwies, hohe gesundheitliche Risiken bis hin zum Dauerkoma und Tod in sich barg. Ab 1935 wurden hirnchirurgische Eingriffe durchgeführt, die zum Teil zu ernsthaften Schäden des kognitiven Denkens führten, die Patienten teilnahmslos werden ließen und ebenfalls bis zum Tod führten. Außerdem wurde 1938 die Elektrokrampftherapie entwickelt, die sich jedoch als uneffektiv erwies, lediglich bei depressiven Patienten erzielt sie einen gewissen vorübergehenden Erfolg. Trotzdem wird die Elektrokrampftherapie in Einzelfällen auch heute noch eingesetzt. Erst in den 1950er Jahren lösten antipsychotisch wirksame Medikamente diese Therapien ab. Neuroleptika sind auch heute noch die Hauptbehandlungsmethode bei Schizophrenie. Trotz der erheblichen Nebenwirkungen und Langzeitschäden wird den meisten Patienten angeraten, diese ein Leben lang einzunehmen. Erste Kritiken werden inzwischen laut, diese Behandlungsleitlinien der lebenslangen Medikation bei Schizophrenie entsprechend abzuändern.

Schizophrenie und Psychotherapie

Während Sigmund Freud schizophrene Patienten für unfähig hielt, eine therapeutische Beziehung einzugehen, entdeckte Harry Stuck Sullivan bereits in den 1920er Jahren, dass die Patienten stark regrediert waren und zu den Kommunikationsformen der frühen Kindheit zurückkehrten. Große Erfolge wiesen Therapeuten auf, die auf die Regression ihrer schizophrenen Klienten eingingen und diese unter anderem wie Säuglinge und Kinder nährten, wie z.B. Rosen, Marguerite Sechehaye und Jacqui Lee Schiff. Während Schiff ihre Patienten mit der Flasche fütterte, befriedigte Sechehaye die oralen Bedürfnisse auf symbolischer Ebene. Sie benutzte hierzu solche Symbole, die ihre  Patienten selbst äußerten. So gab sie z.B. Renée, die immer wieder Äpfel von ihr forderte, diese klein geschnitten als Symbol für die Mutterbrust. Ein Großteil der Sprache schizophrener Patienten lässt sich entschlüsseln, wenn Therapeuten sich die Mühe machen, diese verstehen zu wollen.

Erfolge bei der Behandlung weist auch die Soteria auf, ein milieutherapeutisches Konzept nach Mosher und Ciompi, die während der akuten Phase der Psychose ein weiches Zimmer zur Verfügung hält, in dem die Klienten so lange in reizarmer Umgebung mit einem Therapeuten alleine bleiben, bis es ihnen besser geht. Danach werden sie in die angeschlossene Wohngruppe integriert, übernehmen dort verschiedene Aufgaben und eine Zukunftsplanung in allen Lebensbereichen beginnt, die nach und nach mit Unterstützung der Bezugspersonen umgesetzt wird. In Deutschland entstehen inzwischen in einigen Kliniken Stationen, die an die Soteria angelehnt sind, z.B. in Haar bei München und in Zwiefalten.

Trotz hoher Erfolgsquoten verschiedener therapeutischer Verfahren wird schizophrenen Patienten in Deutschland selten zu einer Psychotherapie geraten, sondern eine Ruhigstellung durch Neuroleptika bevorzugt, die jedoch als alleinige Maßnahme weder zur Besserung, noch zur Heilung einer Schizophrenie führen kann. Nicht jede Therapiemethode ist zur Schizophreniebehandlung geeignet, so kann sich die Psychoanalyse beispielsweise schädlich auf die Krankheitsentwicklung auswirken, wenn die Methode nicht krankheitsspezifisch abgewandelt wird. Aus diesen Gründen ist es sinnvoll einen Therapeuten mit Erfahrung auf diesem Gebiet aufzusuchen, eine ausschließlich medikamentöse Therapie ist aber nicht ratsam.

In vielen Kliniken werden heute jedoch wenigstens Psychosegruppen angeboten, in denen die Patienten lernen können, eine beginnende Psychose zu erkennen und Maßnahmen gegen einen akuten Schub zu ergreifen. Da durch die Psychopharmaka Patienten jedoch oft nur noch wenige Wochen in der Psychiatrie verbringen, sind die Lernmöglichkeiten stark begrenzt. An ambulanten Psychosegruppen mangelt es noch.

Quellen:

Marguerite Sechehaye: Symbolische Wunscherfüllung

Marguerite Sechehaye: Therapie der Psychosen

Marguerite Sechehaye: Tagebuch einer Schizophrenen, Selbstbeobachtungen einer Schizophrenen während der psychotherapeutischen Behandlung

Gregory Bateson u.a.: Schizophrenie und Familie

Jacqui Lee Schiff, Beth Day: Alle meine Kinder, Heilung der Schizophrenie durch Wiederholen der Kindheit

Davison/Neale: Klinische Psychologie

Ciompi u.a.: Soteria im Gespräch

Ciompi u.a.: Wie wirkt Soteria?

2 Gedanken zu “Therapie der Psychosen

  1. Pingback: Therapie der Psychosen | umrissen

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